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Können digitale Bilder Haptik erfassen?
Bei Designermöbeln geht es selten nur um die Form.
Material, Tiefe und Emotionen in Designermöbeln nachbilden
Es steckt im Detail: in den feinen Unregelmäßigkeiten einer Holzmaserung, der Weichheit oder Struktur eines Textils oder dem Lichtspiel auf einer Oberfläche. In diesen Nuancen wird Handwerkskunst sichtbar – und hier beginnt eine Marke, mehr als nur Funktion zu vermitteln.
Taktilität ist in diesem Sinne nicht nur etwas, das wir mit unseren Händen fühlen. Sie ist auch etwas, das wir visuell wahrnehmen.
Die visuelle Natur der Wahrnehmung
Wenn wir über Materialien, Textur und Tiefe sprechen, liegt die Annahme nahe, dass diese Eigenschaften eine physische Interaktion erfordern. Dass man sie berühren muss, um sie zu verstehen.
Die Forschung deutet jedoch auf etwas anderes hin.
Studien zeigen, dass Menschen rund 80% der Sinnesinformationen visuell verarbeiten. Der Sehsinn ist somit der wichtigste Kanal, über den wir die Welt interpretieren und bewerten. Noch bevor wir ein Produkt berühren, haben wir bereits Erwartungen an sein Gewicht, seine Beschaffenheit und seine Qualität.
Als dominanter Sinn des Menschen verarbeitet der Sehsinn bis zu 80% aller Sinnesinformationen, wodurch er zum wichtigsten Kanal wird, über den Konsumenten mit Marken interagieren. Visuelle Reize erfüllen sowohl ästhetische als auch symbolische Funktionen. Sie prägen die Interpretation der Konsumenten und rufen affektive Reaktionen hervor – lange bevor verbale Informationen verarbeitet werden.
Chikan, Adil Majeed, and Dar, Salman Farooq. “Multi-Sensory Branding through Sight and Taste: ASystematicLiterature Review of Strategic Impacts On.” International Journal of Art & Design (IJAD), vol. 5, no. 6, June 2024, pp. 7257–7264, ir.uitm.edu.my/id/eprint/102046/1/102046.pdf.
Ein weiterer Forschungsbereich innerhalb der visuellen Ästhetik zeigt, dass das Design in der Werbung die Wahrnehmung, die Einstellungen und die Kaufabsichten der Konsumenten maßgeblich beeinflusst.
Dies ist insbesondere im Kontext von Designermöbeln relevant.
Die visuelle Ästhetik in der Werbung hat einen maßgeblichen Einfluss auf die Wahrnehmung und Kaufentscheidung der Konsumenten. Die Forscher hoben zudem die Bedeutung der visuellen Ästhetik für ansprechende Werbespots hervor und betonten deren signifikanten Einfluss auf die Einstellung und Kaufabsicht der Kunden gegenüber den beworbenen Produkten. Konsumenten kaufen eher Produkte, die ansprechend präsentiert werden, insbesondere wenn dies auf beliebten Social-Media-Plattformen wie Instagram geschieht.
Yahya, W. K., Muthusamy, G., Naseri, R. N. N., & Affendi, F. R. (2024). Exploring the power of visual aesthetics in advertising. INTERNATIONAL JOURNAL OF ART AND DESIGN, 8(2/SI), 57–67. https://doi.org/10.24191/ijad.v8i2/si.3017
Denn hier ist das Produkt von Natur aus ästhetisch. Es besitzt einen emotionalen Wert. Es spiegelt Identität, Geschmack und Positionierung wider. Und vor allem wird es fast immer zuerst visuell wahrgenommen, sei es in einem Katalog, auf einer Website oder in einer Kampagne.
Die Rolle visueller Details in der Markenwahrnehmung
Für Kreativdirektoren beginnt hier die eigentliche Herausforderung. Nicht in der Präsentation des Produkts, sondern in der Übersetzung seiner Materialität.
Eine Oberfläche ist niemals nur eine Oberfläche. Sie ist eine Kombination aus Struktur, Reflexion, Unvollkommenheit und Licht.
Die Tiefe einer Holzmaserung vermittelt Authentizität. Die Art, wie ein Stoff Licht streut, suggeriert Weichheit oder Dichte. Das Gleichgewicht zwischen matt und glänzend bestimmt, wie edel oder rustikal sich ein Produkt anfühlt.
Diese Elemente sind keine nebensächlichen Details. Sie sind wesentliche Bestandteile der Markenwahrnehmung. Sie vermitteln handwerkliches Können. Sie signalisieren Qualität. Und sie prägen die emotionale Reaktion.
In vielerlei Hinsicht sind sie es, die ein Produkt von einem Designerprodukt unterscheiden.
Von der physischen zur digitalen Materialität
Traditionell wurden diese Eigenschaften durch Fotografie erfasst. Ein physischer Prototyp wird hergestellt, gestylt, ausgeleuchtet und fotografiert, um Material und Atmosphäre in ein Bild zu übersetzen. Dieser Prozess hat jedoch seine Grenzen. Er ist abhängig von Zeit, Verfügbarkeit und Umgebungsbedingungen. Das Licht muss im Moment eingefangen werden. Die Materialien müssen final sein. Variationen erfordern neue Setups. Iterationen sind langsam.
Hier setzt ein anderer Ansatz bei digitalen 3D-Workflows an. Anstatt Materialität abzubilden, wird sie konstruiert. Ausgehend von CAD- oder Scandaten werden Materialien Schicht für Schicht aufgebaut. Maserung, Textur, Reflexionsvermögen und Mikrodetails werden definiert und verfeinert. Licht wird nicht erfasst, sondern gestaltet, was eine präzise Kontrolle über die Darstellung von Oberflächen ermöglicht.
Das beseitigt die Herausforderung nicht. Es verlagert sie lediglich.
Die Frage ist nicht, ob ein Material existiert, sondern ob es überzeugend genug übersetzt werden kann, um dieselbe Wahrnehmung hervorzurufen.
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Die Herausforderung, Taktilität nachzubilden
Kann ein digitales Bild Gewicht suggerieren? Kann es die Rauheit von unbehandeltem Holz oder die Weichheit von Polsterstoffen vermitteln? Kann es die subtilen Unvollkommenheiten wiedergeben, die ein Material real wirken lassen?
Dies sind keine rein technischen Fragen. Sie bewegen sich an der Schnittstelle von Design, Wahrnehmung und Storytelling. Denn was wir letztlich versuchen, nachzubilden, ist nicht nur ein Material, sondern eine sinnliche Erwartung.
Ein gelungenes visuelles Element muss die Realität nicht perfekt abbilden. Es muss vielmehr die richtigen Assoziationen im Kopf des Betrachters auslösen.
Wenn wir eine Oberfläche sehen und intuitiv verstehen, wie sie sich anfühlen könnte, wie sie altern könnte, wie sie in einem Raum existieren könnte, dann hat das Bild seinen Zweck erfüllt.
Jenseits der Repräsentation
Verstärkung der Materialität
Interessanterweise eröffnet die digitale Bildgebung auch Möglichkeiten, die über die traditionelle Fotografie hinausgehen.
Die Beleuchtung kann so angepasst werden, dass Tiefe betont wird. Texturen können verfeinert werden, um Strukturen hervorzuheben. Umgebungen können so gestaltet werden, dass sie die Markenidentität über alle Märkte und Kanäle hinweg konsistent unterstützen.
Anstatt auf einen einzigen Zeitpunkt beschränkt zu sein, wird das Visuelle flexibel und skalierbar.
Das bedeutet, dass die Materialität nicht nur erhalten bleibt, sondern in manchen Fällen sogar verstärkt werden kann.
Details, die bei einem realen Fotoshooting verloren gehen könnten, lassen sich so gezielt in Szene setzen. Dadurch wird die Konsistenz über verschiedene Kampagnen hinweg einfacher zu wahren. Zudem können Variationen bei Materialien und Oberflächen erkundet werden, ohne dass man bei null anfangen muss.
Für viele Kreativdirektoren ist dieses Zögern verständlich.
Haptik ist eng mit Authentizität verbunden. Und Authentizität ist das Herzstück von Designermarken.
Die Frage bleibt also: Kann etwas Digitales wirklich dieselbe Seele vermitteln?
Die vielleicht relevantere Frage ist nicht, ob digitale Bilder Haptik erfassen können.
Aber ob wir bereit sind, auszuloten, wie weit das gehen kann. Denn wenn die visuelle Wahrnehmung bereits eine so dominante Rolle dabei spielt, wie wir Materialien erleben, besteht die Chance nicht darin, die physische zu ersetzen. Es geht darum, es mit Absicht zu übersetzen.